04/02/18

ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten: Schutz für Obdachlose

ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten: Schutz für Obdachlose - Ankerherz Verlag

Ich laufe über die Reeperbahn. Diese Straße gehe ich schon mein halbes Leben lang. Ich treffe einen alten Bekannten aus den Zeiten. Seine Platte ist immer noch auf dem Kiez. Er cremt sich seine rissigen Hände ein. Die Kälte hinterlässt ihre Spuren und macht die Menschen krank. Mein Handy zeigt Minusgrade. Heute Abend, während ich zuhause bin und in meiner kleinen Wohnung bei aufgedrehter Heizung diesen Text schreibe, kämpft Peter ums Überleben.

Ich frage mich, wann sich etwas ändern wird. Am Mittwoch war ich in Berlin. Ich habe dort eine Freundin besucht, sie wohnt in Neukölln. Sie erzählte mir, dass an der Bahnstation der Schlafsack und die Jacke eines Obdachlosen angezündet wurden. Am Wochenende gab es in Berlin den ersten Kältetoten. In der Hauptstadt ist das Thema Obdachlosigkeit inzwischen im Senat angelangt. Vor kurzem fand die erste „Berliner Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe“ statt. Ein wichtiger Schritt. Unter anderem wurde vereinbart, auch leerstehende Wohncontainer als Raum für Obdachlose zur Verfügung zu stellen.

Dominik Bloh, Hamburg

Was ich den Menschen auf der Straße wünsche? Ganz einfach: ein Dach über dem Kopf! Unser Bürgermeister Olaf Scholz hat in dieser Woche eine Petition überreicht bekommen. Knapp 100.000 Unterzeichner fordern eine ganztägige Öffnung des Winternotprogramms. Ich habe in diesem Programm gelebt und muss sagen: Viel wird damit nicht besser.

Schutz für Obdachlose

Das habe ich im Winter vor zwei Jahren erfahren, als es mir so schlecht ging wie noch nie. Ich fühlte mich krank. Container E, Raum E.8, das erste Bett oben. 15 Quadratmeter. Wir sind zu Acht in diesem Raum, vier Metalldoppelbetten. Es gab ein Fenster und einen Heizkörper. Das Fenster blieb immer zu. Heizung auf höchste Stufe. Die nassen Kleidungsstücke legten die Männer über die Heizung, um sie zu trocknen. Flora und Fauna für Bakterien. Es stank. Die Leute schnarchten und schrien. Ich bekam kein Auge zu. Mir ging es mies. Raus in den Flur. Die ganze Etage teilte sich eine Toilette. Nicht so schön. Dieser Winter machte mich fertig.

Das Winternotprogrammnicht die alleinige Lösung. Zwei Menschen sind in diesem Winter schon in Hamburg erfroren. Ich finde die Petition gut. Ich habe sie unterschrieben und geteilt. Sie macht auf das Problem aufmerksam. Ich hoffe, sie ist die Tür zu Gesprächen. Ich denke bereits an den nächsten Winter. Wir brauchen endlich langfristige Lösungen. Wir brauchen mehr Schutz für Obdachlose. Die Menschen benötigen eigenen Wohnraum. „Housing first“, ein Programm, das Obdachlose mietfrei in eigene vier Wände bringt, funktioniert in anderen europäischen Ländern wunderbar.

 

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Gerade erschien sein Buch darüber: „Unter Palmen aus Stahl“, überall im Handel und hier versandkostenfreibestellen.

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